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Opinion

"Wir brauchen neue soziale Netzwerke“

Zarah Bruhn kritisiert die Macht von Facebook und fordert ein Umdenken bei Plattformen in der Corona-Krise

Seit Wochen dominiert der Coronavirus unser Leben und stellt uns jeden Tag aufs Neue vor große Herausforderungen. Aber wie wird die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Welt eigentlich nach Corona aussehen? 

In der aktuellen Krise zeigt sich, dass wir eine neue Generation sozialer Netzwerke brauchen. Nicht in erster Linie Plattformen wie Facebook, LinkedIn oder Twitter, sondern Netzwerke mit dem Ziel, Menschen wirklich zu helfen. Netzwerke, die organisieren, dass Menschen für andere, die einer Risikogruppe angehören, einkaufen gehen oder dem Nachbarskind online Nachhilfe geben, ein Netzwerk, dem es um mehr geht, als zu skalieren und die Daten seiner Nutzer für Werbezwecke auszuwerten.

Sicher, auch Facebook, Twitter oder LinkedIn haben Initiativen gegen Corona wie zentrale Anlaufstellen für Informationen und Spendenaktionen ins Leben gerufen, und unterstützen, indem sich Menschen beispielsweise über Gruppen und in Chats leichter vernetzen und gegenseitig unterstützen können. Und das ist auch sehr gut und hilfreich. Doch diese Plattformen haben grundsätzlich einen anderen Antrieb. Sie folgen Anreizen wie Gewinnmaximierung oder Skalierung. Ihre Kunden sind nicht der Nutzer nebenan, sondern Werbekunden, deshalb müssen wir auch alles, was diese Netzwerke tun, zuallererst durch diese Brille sehen. 

Wir brauchen, heute mehr denn je, Netzwerke, in denen sich die Leute helfen, statt gegenseitig Fotos zu liken, sich gegenseitig Mut machen und auch tatsächlich etwas auf die Beine stellen. So entstand die Idee für unsere neue Plattform “bringandring.de”.

Kommenden Montag gibt es die neue App im App-Store, begleitet von der Solidaritätskampagne „Ich geh für dich“ mit mehr als einer halben Millionen an Pro-Bono Werbebudget von Vermarktern wie Burda, Ströer, Mobile.de oder auch Axel Springer. Mit dabei sind Influencer wie Lena Gercke, Lea-Sophie Cramer und Diana zur Löwen, die großen Mediavermarkter sponsern Bannerwerbung, die quasi omnipräsente #allefüralle Kampagne nimmt uns Huckepack und viele Einzelpersonen bringen sich ein. 

Schon Social-Bee, eine Plattform mit dem Ziel der Integration von Flüchtlingen und Migranten in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft, haben wir in einer Krisensituation gegründet - mitten in der Flüchtlingskrise. Schon damals habe ich gelernt, dass es in solchen Krisen darum geht, kreativ zu bleiben statt Trübsal zu blasen. Und jetzt kam bei mir wieder dieses Gefühl auf, dass ich bei der Gründung von Social-Bee hatte - wir müssen uns darauf fokussieren, Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden. 

Was allen aktuell hilft, ist den physischen Kontakt zwischen Menschen in der nächsten Zeit massiv einzuschränken, um die Verbreitung des Virus zu stoppen. Allein in Deutschland gehören 30 Millionen Menschen wegen einer Vorerkrankung oder ihrem Alter zu Risikogruppen für Covid-19. Diese Menschen sollten soweit wie möglich zuhause bleiben und können ihre Besorgungen entsprechend nicht mehr selbst erledigen. Wie grandios wäre eine App, dachte ich, die einfache Einkaufshilfe ermöglicht, sicher, kontaktlos und spontan. Nach dem Motto: „Ich geh eh‘, wem kann ich was mitbringen?“.  So entstand die Idee für “Bring & Ring”.

I'll Attend
Foto: Lisa Hantke
Foto: Lisa Hantke
Foto: Lisa Hantke
Foto: Lisa Hantke
Foto: Lisa Hantke
Foto: Lisa Hantke
Foto: Lisa Hantke
Foto: Lisa Hantke
Foto: Lisa Hantke

Nach ein paar Anrufen hatte ich die ersten Mitstreiter Alexander Samwer, Verena Schneevoigt, Patrick Knodel, Gründer der knodel foundation, einer gemeinnützigen Stiftung zur Bekämpfung globaler Problemstellungen, und weitere Unterstützer an Bord, die uns finanziell zur Seite standen. 

Kurzerhand starteten wir einen eigenen Hackathon mit Entwicklern. Und los ging’s mit 20 begeisterten Menschen, die sich großteils noch nie begegnet sind. Wir fungieren wie ein kleines soziales Netzwerk. Seitdem herrscht pure Euphorie!

Und unser Netzwerk soll nicht an der deutschen Grenze haltmachen. Für stark betroffene europäische Nachbarn arbeiten wir an Versionen auf Italienisch, Spanisch und Französisch. Viele der neuen Mitstreiter haben sich nach der ersten Ankündigung von “Bring & Ring” beim Virtual Founders Breakfast direkt bei uns gemeldet. Das ist das Bemerkenswerte: Organisationen und Personen, die sonst oft teilweise eher Konkurrenten sind, arbeiten bei www.bringandring.de gemeinschaftlich zusammen. Nehmen wir die Agenturen fischerAppelt, Heimat Active, IdeeDialog und Jung von Matt, die uns unterstützen. Oder Unternehmen, die gerade freie Kapazitäten haben engagieren sich und formieren sich zu neuen Entwicklerteams, wie zum Beispiel die Travel-Startups Lambus.io und Flixbus und die IT-Dienstleister Netlight und Netrocks, die die Website und App in kürzester Zeit programmiert haben. 

Denn es ist ja richtig, soziale Medien unterstützen dabei sich schnell und einfach zu vernetzen, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wir müssen diese Eigenschaften nur richtig nutzen, für unsere Zwecke, für die Menschen, und nicht nur, um die Wachstumsphantasien von Wall Street Anlegern zu befriedigen.  

Auch unsere Plattform ist nicht gewinnorientiert, sondern gemeinnützig und zielt darauf ab einen Beitrag zur Bewältigung einer Krise zu leisten, die uns alle betrifft. Wir finanzieren uns durch private Spenden. Und so soll es auch in den kommenden Monaten bleiben.

Die Arbeit mit Geflüchteten bei Social-Bee hat mir ein wenig davon vor Augen geführt, was es heißt, keine sichere Perspektive zu haben. Keine Sicherheit zu haben, ist etwas, mit dem sich die meisten Menschen in Deutschland gerade jetzt identifizieren können, da die Corona-Pandemie in den meisten Bereichen unseres Lebens Strukturen aufgebrochen hat. 

Und genau das kann eine neue Generation sozialer Netzwerke leisten: Wärme, Sicherheit und Halt geben. Wir sollten die aktuelle Corona-Krise als Chance sehen, neue Lösungen zu entwickeln und die Zukunft zu gestalten. Und ich bin fest davon überzeugt: Das ist nicht nur die Aufgabe von Social Entrepreneurs, sondern die von allen Unternehmern.

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Zarah Bruhn ist Gründerin und Geschäftsführerin von Social Bee und bringt mit der Plattform bringandring.de Helfer und Hilfesuchende gerade in der Corona-Krise zusammen.