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Wie ein Berliner Startup Alt und Jung vernetzt

Warum das auch andere Gründer*innen tun sollten und worauf es dabei ankommt

In Deutschland gibt es rund 17,5 Millionen Menschen, die 65 Jahre oder älter sind. Damit bildet die Zielgruppe Senioren einen Anteil von rund 21 Prozent an der Gesamtbevölkerung, Tendenz steigend. “Eine trotzdem oftmals vergessene Gruppe und das, obwohl die deutsche Gesellschaft insgesamt altert und die Menschen im Durchschnitt länger leben. Somit wird es uns alle irgendwann treffen”, sagt der Gründer von myo, Jasper Böckel. 

Deswegen hat er sich zusammen mit seinem Mitgründer Felix Kuna etwas speziell für Senior*innen überlegt: Die App myo, die für einen besseren und direkten Austausch zwischen Pfleger*innen und den Angehörigen außerhalb des Altenheims sorgt. 

Damit bedienen die Beiden einen großen Bedarf, gerade in Zeiten des Social Distancings: “Durch die Corona-Krise hat sich unsere Nutzerzahl verdreifacht und wir haben nochmals gemerkt, wie wichtig es ist, ohne persönlichen Kontakt kommunizieren zu können.”  

Dass Kommunikation neben den Bereichen Mobilität und Digitalisierung eines der Themen ist, welches Senior*innen besonders beschäftigt, hat auch eine Umfrage des SENovation Awards ergeben. Der SENovation Award ist ein Gründerpreis mit dem speziell Startups und Geschäftsideen ausgezeichnet werden, die Lösungen für eine alternde Gesellschaft anbieten. 

Heike Behrbohm vom SENovation Award erzählt: “Viele junge Gründer denken vielleicht nicht an eine ältere Zielgruppe, sprich zwischen 60 und 100 Jahren, und das obwohl ein großer Bedarf an Produkten und Dienstleistungen für Senior*innen besteht und diese oft eine sehr hohe Kaufkraft haben. Da wollen wir den Startups vermitteln, dass die Chancen riesig sind.” 

Dabei sind der Kreativität der jungen Gründer*innen kaum Grenzen gesetzt: von Notrufsystemen bis hin zu digitalen Bilderrahmen. Auch Unternehmen wie Uber und Lyft werben um Kund*innen höheren Alters, die mobil bleiben wollen und arbeiten an speziellen Services für ältere Fahrgäste. Auch die Münchner Plattform Bring & Ring wurde speziell für das Vermitteln von Einkaufshilfen für Angehörige einer Risikogruppe, wozu auch Senior*innen gehören, entwickelt. 

Senior*innen wollen genauso an der Gesellschaft teilhaben, wie alle anderen und sie wollen sich selbstständig bewegen, betont Heike Behrbohm. Dabei sei der Weg von Jung zu Alt oft gar nicht weit: 

Viele Produkte funktionieren übrigens auch generationenübergreifend, zum Beispiel E-Bikes oder auch Fahrerassistenzsysteme in Autos. Außerdem sollten sich die jungen Gründer*innen überlegen: Passt unser Produkt - eventuell nach einer kleinen Anpassung - auch für eine ältere Zielgruppe?”

Alles begann mit einem Ausflug ins Picasso-Museum 

Im Fall von myo entstand die Idee durch eine persönliche Erfahrung: Angefangen hat alles damit, dass Jasper Böckel und Felix Kuna mit ihren Bürojobs nicht mehr zufrieden waren. Also kündigen sie, um für fünf Monate ein Pflegepraktikum zu machen. “Jeden Tag haben wir gesehen, was da geleistet wird und gleichzeitig, wie wenig die Außenwelt davon mitbekommt”, erzählt Jasper. 

Ausschlaggebend für die Entwicklung der myo App war die Begegnung mit der Tochter einer demente Altenheimbewohnerin, welche sich im Nachhinein nicht mehr an einen Museumsbesuch erinnerte. “Das war wirklich die Initialzündung. Wenn selbst Angehörige, die jeden Tag hier sind,  nicht mitbekommen, was hier geleistet wird - das kann nicht sein!”, erzählt der Gründer im Nachhinein. 

“Die Leute gehen nicht ins Pflegeheim, um zu sterben. Sie gehen dorthin, um zu leben und das ist etwas, was die Leute verstehen müssen.” Jasper Böckel 

Danach haben Jasper und Felix angefangen, mit Pfleger*innen und Angehörigen zu sprechen und myo zu entwickeln. Dabei galt es am Anfang auch eine gewisse Skepsis in der Branche zu überwinden, denn gerade Pflege und das Arbeiten mit Menschen, die 70 Jahre oder älter sind, steht oft im krassen Gegensatz zur Digitalisierung, erinnert sich der Co-Gründer. 

Deshalb hatte myo gezielt den Zugang zu den Senior*innen über ihre Pfleger gesucht, um die Hürde zu überbrücken. Dabei war viel Kreativität gefragt, um wirklich jeden in die neue Technologie mit einzubinden. Die Anwendung müsse natürlich auch auf eine Art und Weise simpel sein, die ganz anders ist als alles, was man im privaten Umfeld kennt. Man müsse sich davon verabschieden, etwas mit den Entwicklern und den Produktdesigner zu entwickeln, das für einen selbst passt, da wir nicht der Zielgruppe angehören, erklärt Jasper. 

Den Gründern von myo ist ein Umdenken insgesamt wichtig und sie appellieren: “Dass man eine Person abschiebt, aus der man ‘keinen Nutzen’ mehr für die Gesellschaft ziehen kann, ist aus unserer Sicht nichts, was wir in einem sehr privilegierten deutschen Staat erleben sollten.”

Das Geschäftsmodell der myo Pflege App 

Hinter dem 2017 gegründeten myo steckt ein B2B-SaaS-Modell. Die Software wird stationären Pflegeeinrichtungen angeboten, die je nach Größe der Einrichtung eine monatliche Gebühr entrichten. Normalerweise steht die Plattform dann kostenlos für die Pfleger*innen und Angehörigen bereit. 

Zu den frühen Unterstützern des mittlerweile 17 Mitarbeiter*innen umfassenden Startups gehört der kirchliche Heimbetreiber Agaplesion. Er beteiligte sich auch an der Pre-Seed- und Seed-Finanzierung des Startups über insgesamt 1,5 Millionen Euro mit Think.Health Ventures als Lead. Der Name der App myo leitet sich vom Begriff Myosotis ab, was die wissenschaftliche Bezeichnung für die Pflanze Vergissmeinnicht ist.

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