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Interview

“Türen auf für deutsche Start-ups”

Thomas Jarzombek, Beauftragter des Bundeswirtschaftsministeriums für digitale Wirtschaft, fordert mehr Macht für Gründer*innen

Bits & Pretzels: Viele deutsche Mobilitäts- und Reise Startups stehen durch die Corona-Krise vor dem Ruin, zahlreiche Reisen werden storniert. Führende Vertreter kritisieren, dass Google weiterhin die vollen Werbegelder kassiert. Sie auch? 

Thomas Jarzombek: Jetzt ist die Stunde für gegenseitige Solidarität, das gilt auch und gerade für ein Unternehmen, das zu den profitabelsten der Welt gehört. Mich sorgt vor allem, dass Google dabei wohl Einzelfallentscheidungen treffen will. Hier befürchten Wettbewerber mögliche Benachteiligungen. Google muss seinen Prozess transparent machen, um damit diese berechtigten Befürchtungen auszuräumen.

Was ist ihr Rat für Gründer*innen, die von der Krise besonders betroffen sind? 

Ich glaube, das Wichtigste ist, sofort Kurzarbeitergeld zu beantragen und das eigene Personal effektiver auszulasten oder ihnen neue Aufgaben zu geben. Jedes Start-up sollte zudem mit den Finanzämtern reden. Hier ist die ganz klare Ansage: Man bekommt Stundungen und Vorauszahlungen. Das ist ein kurzfristiges Instrument, um mehr finanziellen Spielraum zu haben. Drittens sollten uns kleinere Gründer*innen ganz offen mitteilen, was ihnen hilft. Unsere Förderprogramme sind jetzt nicht in Stein gemeißelt. Wir sind bereit, die Probleme schnell anzupacken, wie wir es zum Beispiel bei den KfW-Krediten gemacht haben, wo wir neue Kriterien für eine Förderung eingeführt haben. 

 

Schauen wir uns das mal genauer an: Welche Start-up Branchen sind denn Ihrer Ansicht nach von der Krise am meisten betroffen? 

Ich glaube, das ist asymmetrisch. Der Essenslieferant Hellofresh hat zum Beispiel sehr schnell die Lufthansa im Börsenwert überholt. Lieferservices oder Konferenzlösungen zählen zu den klaren Gewinnern. Deep Tech oder Künstliche Intelligenz-Lösungen sind eher neutral, außer diese benötigen neue Finanzierungen und deren Investoren sind knapp bei Kasse. Hier hilft dann unser 2-Milliarden-Programm.

Wie steht die deutsche Start-up Szene im europäischen Vergleich in der Krise da? 

Im europäischen Vergleich haben wir, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, eine sehr niedrige Verschuldung und somit mehr Mittel als andere Länder, die teilweise schon an der Grenze der Schuldentragfähigkeit sind. Das ist ein großer Vorteil, denn dadurch können wir in all die Hilfsprogramme investieren und das hilft jetzt auch der deutschen Start-up Szene. Davon losgelöst laufen die Investitionen in deutsche Start-ups gut, vor allem in der Seed- und Serie A/B-Phase. Aber wir müssen unabhängiger von ausländischem Kapital werden. 

 

Klaus Hommels, Gründer von Lakestar, einem der größten europäischen Fonds, warnt Europa vor zu großer Abhängigkeit vom Kapital aus den USA und chinesischen Finanziers – teilen Sie seine Meinung? 

Wir freuen uns über jeden, der in Deutschland investiert. Aber bei der Diskussion um Impfstoffhersteller CureVac zeigt sich, wie wichtig es ist, selbst über Zukunftstechnologien entscheiden zu können – ohne Einfluss von Investoren aus Übersee. Wir müssen selbst in der Lage sein, große Finanzierungen zu stemmen. Mit dem Zukunftsfonds möchten wir, unabhängig von der Krise, genau diese Möglichkeit dazu schaffen. 

 

Ein anderes Thema: Aktienoptionen oder Mitarbeiterbeteiligungen in Firmen sind überall en vogue – außer in Deutschland. Warum?

Ja, das verstehe ich auch nicht! Wir haben hier ganz klar Aufholbedarf. Unser Koalitionspartner muss hier die Widerstände aufgeben. Viele sind immer noch fälschlicherweise der Meinung, dass Mitarbeiter ausgebeutet werden, indem ihre Gehälter in Anteile umgewandelt werden, die dann wertlos werden, falls die Firma pleite geht. Ich glaube, dass die Mitarbeiter schon wissen, was sie da tun. Wir hören vielmehr von Gründern immer wieder, wie wichtig es heutzutage im Kampf um die besten Talente ist, diesen die Möglichkeiten zu geben, sich am Erfolg der Unternehmen zu beteiligen. Und wir drängen sehr darauf, dass wir hier den nächsten Schritt machen und Deutschland auch in diesem Feld wettbewerbsfähig machen.

 

Gerade in der Krise zeigt sich, dass es bei neuen Angeboten für digitale Bildung und Weiterbildung hapert. Warum kommt Deutschland bei so einem wichtigen Zukunftsthema nicht voran?

Ein großes Problem sind oft veraltete Strukturen und Regelungen. Flixbus zum Beispiel ist deshalb zu einem globalen Champion geworden, weil wir zur Abwechslung als Deutsche so ziemlich die Ersten waren, die das Personenbeförderungsrecht geöffnet haben für Fernbusse. Das führte zu intensivem Wettbewerb zwischen Start-ups und Anbietern und am Ende ist Flixbus als Champion hervorgegangen. Das Gleiche sollte für das Thema E-Learning gelten. Eine Exklusivität für irgendwelche Schulbuchverlage darf es nicht geben. Hier müssen jetzt ganz klar die Türen für die deutschen Start-ups aufgemacht werden. So stärken wir unsere Gründerinnen und Gründer anstatt die amerikanischen Giganten größer zu machen, als sie ohnehin schon sind. 

Zeigt die aktuelle Corona-Krise nicht, dass Deutschland digital erheblichen Nachholbedarf hat? 

Ich bin optimistisch: In Deutschland herrscht momentan so eine Art Kaltstart in Sachen Digitalisierung. In der Vergangenheit sind viele Projekte oftmals an der Frage: “Wozu braucht man das überhaupt?” gescheitert. Ganz zu schweigen von den unzähligen Bedenken bezüglich der IT Sicherheit oder dem Datenschutz. Aber auf einmal sieht man, dass viele Dinge doch gehen. 

Das Wirtschaftsministerium steht in der Kritik, hauptsächlich Großkonzerne aus den etablierten Industrien mit gigantischen Hilfspaketen in Höhe von bis zu 600 Milliarden zu retten. Start-ups sollen hingegen gerade mal zwei Milliarden erhalten – und warten immer noch auf die Auszahlung der Summe.  

Das Zwei Milliarden-Paket für Start-ups steht jetzt. In Kürze können Start-ups und kleine Mittelständler es nutzen und so ihren Wachstumskurs fortsetzen. Das ist wichtig, denn KfW-Schnellkredite richten sich an Firmen, die bereits Gewinne schreiben, was auf viele Gründungen naturgemäß ja zunächst einmal nicht zutrifft, da in der Anfangsphase viele Start-ups in Wachstum investieren. Auch der Wirtschaftstabilisierungsfonds mit 600 Mrd. besitzt ein eigenes Zugangskriterium für Start-ups. Das ist vollkommen neu bei solchen Programmen.

Wie helfen die neuen Regelungen jetzt konkret den Gründer*innen?

Alternativ zu Kenngrößen wie Umsatz und Bilanzsumme haben wir hier die Unternehmensbewertung aufgenommen. Zugang bekommen auch Start-ups, die mit mindestens 50 Millionen Euro in einer Wagniskapitalrunde der letzten drei Jahre bewertet wurden. Das betrifft natürlich nicht jeden Gründer, aber laut Hochrechnungen 150 bis 200 Start-ups. Wir wollen damit diejenigen fördern, die schon auf Erfolgs- und Wachstumskurs sind. 

Und wann werden die Fördergelder bereitstehen? 

Der Wirtschaftsstabilitätsfonds ist nach wie vor europarechtlich noch nicht genehmigt. Daran wird mit Hochdruck gearbeitet. Wir machen da großen Druck. Unser Zwei-Milliarden-Programm haben wir für den April avisiert und letzte Woche Vollzug melden können: Finanzierung wie Struktur stehen. In dieser Woche werden die letzten inhaltlichen Details geklärt, noch im Mai soll es die ersten Auszahlungen geben.

Sie planen diese zwei Milliarden über Investoren zu verteilen. Wie wollen Sie kleinere Start-ups erreichen, die eigenfinanziert sind oder sich gerade erst gründen? 

Unser Programm besteht aus zwei Modulen, eines für VC-finanzierte Start-ups und eines für diejenigen, die bootstrapped oder Angel-finanziert sind. Mit dem Verfahren können wir recht viele Start-ups abfangen. Eine Herausforderung für uns sind diejenigen Gründer und Gründerinnen, die bis heute noch nie mit einem der zahlreichen staatlichen Programme in Kontakt waren. Wir müssen einen Weg finden, diese erfolgversprechenden Unternehmen besser zu identifizieren. 


Herr Jarzombek, wir danken Ihnen für das Interview.


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