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So nicht! Healthcare muss neu gedacht werden

Wie Startups der Branche die Corona-Krise wahrnehmen und welche Veränderungen es noch braucht

Das deutsche Gesundheitswesen braucht Innovation. Genau die möchten Startups vorantreiben. Und auch Experten aus der Branche fordern zunehmend eine Modernisierung. Denn es zeigt sich, dass die Medizinbranche mit verschiedenen Problemen kämpft: Unter anderem der akute Personalmangel. 

Bedingt durch lange und unflexible Arbeitszeiten zu insgesamt schlechter Bezahlung arbeiten immer weniger der ausgebildeten Fachkräfte in ihrem Sektor. 300.000 sind bereits in einen anderen Beruf gewechselt. Mehr als die Hälfte davon würde aber in ihren ursprünglichen Beruf zurückzukehren, sollte es bessere Arbeitsbedingungen geben, erklärt das Startup Medwing, das eine Personalmanagement-Software für Pflegekräfte anbietet. 

Die WHO erwartet zudem, dass bis 2030 mindestens 20 Millionen zusätzliche medizinische Fachkräfte weltweit gebraucht werden. Ute Teichert, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst e.V. bestätigt: “Wir haben ein riesiges Personal-Nachwuchsproblem, wir schaffen es kaum Leute für diesen Bereich zu finden.”

Zusätzlich wird nun besonders in der Coronakrise deutlich, dass die IT-Infrastruktur ebenso veraltet ist wie die starren Beschäftigungsstrukturen in der Branche. Auch in Deutschland werden IT-Systeme verwendet, die 30 Jahre oder älter sind. 

Samir El-Alami, Gründer der Ärzte-Management-Plattform Doctorly ist davon schockiert: "Jens Spahn verabschiedete ein Gesetz, wonach Ärzte künftig Gesundheits-Apps verschreiben können. (...) Der Arzt verwendet aber eine Software von 1987. Wie soll ein Arzt eine App richtig verschreiben, wenn er die Daten die ihm die App bereitstellt nicht erhalten, geschweige denn verwalten und analysieren kann?” Dies erschwert die Arbeit in Praxen und Krankenhäusern und ist konträr zu den Bedürfnissen der Patienten. 

Die Relevanz der Digitalisierung im Healthcare-Bereich ist dabei unumstritten. “Moderne Endgeräte, wie Smartphone und Tablets, in Kombination mit innovativen Technologien, ermöglichen einen besseren, verständlicheren und transparenteren Zugang zur Gesundheitsversorgung”, betont Dennis Hermann, VP Business Development - EU Sales bei Kaia Health.

Die Pandemie als Initialzündung für Digitalisierung und Innovation?

Aktuell wird dem Gesundheitssystem so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie lange nicht mehr. Johannes Roggendorf, Co-Founder von Medwing, appelliert: “Dieses Momentum sollten wir jetzt nutzen! Die Bereitschaft innerhalb der Gesellschaft sowie seitens der Politik ist da, jetzt auch wirklich Dinge in diesem Bereich zu verändern. Und das betrifft nicht nur die Digitalisierung, auch wenn in diesem Bereich viel Potenzial liegt.”

Diese Bereitschaft ist auch zwingend nötig, denn das Gesundheitssystem muss strukturell umgebaut werden. Das betont auch Ute Teichert: “Ich glaube man muss tatsächlich von ganz vorne anfangen. (...) Man sollte auch die Grundsätze nochmal neu denken und die Politik muss sich auch daran beteiligen, da sie die Weichen stellt.” 

Samir El-Alami, Co-Founder & CEO Doctorly
Samir El-Alami, Co-Founder & CEO Doctorly
Johannes Roggendorf (links), Co-Founder & CEO Medwing
Samir El-Alami, Co-Founder & CEO Doctorly
Johannes Roggendorf (links), Co-Founder & CEO Medwing
Dennis Hermann, VP Business Development - EU Sales Kaia Health
Samir El-Alami, Co-Founder & CEO Doctorly
Johannes Roggendorf (links), Co-Founder & CEO Medwing
Dennis Hermann, VP Business Development - EU Sales Kaia Health

Johannes Roggendorf verdeutlicht: "Der Fokus der Gesellschaft wurde darauf gerichtet, dass Gesundheit essentiell ist. Deswegen glaube ich auch, dass langfristig wieder mehr in das Gesundheitswesen investiert wird, um es attraktiver zu machen. Allerdings glaube ich auch, dass man jetzt handeln muss und nicht zu lange warten sollte, grundlegende Reformen anzugehen. Sonst vertun wir eine große Chance!”

Ähnlich sieht das auch Samir El-Alami, der beobachtet, dass Investoren durch die Krise anfangen ein Auge auf den Bereich Healthcare in Deutschland zu werfen, jedoch gleichzeitig noch ein weiter Weg bevorsteht. "Die Regulatoren, die Entscheidungsträger und die Politik (...), ja sogar die VCs, die eigentlich Innovationen finanzieren sollen, müssen gerade in Deutschland stärker aktiv werden. Health-Tech braucht jetzt Unterstützung!" 

Die Corona Krise habe zum Bewusstsein von digitalen Versorgungsformen und dem Verständnis des entsprechenden Mehrwerts beigetragen, findet auch Dennis Hermann. “Aus unserer Sicht war es aber nicht der signifikante Treiber, sondern ein Beschleuniger, um die Adoption von digitalen Versorgungsformen im Gesundheitswesen zu fördern.”

Kommende Herausforderungen 

Die größte Herausforderung des Gesundheitswesen, welches sich aktuell im Wandel befindet, sei es eine moderne technische Infrastruktur einzuführen, die für so viele Marktteilnehmer auch die richtigen Schnittstellen bietet und sich in den Alltag einfügen lässt, betont Dennis Hermann. “Es gibt relativ komplexe interdependente Strukturen im Gesundheitswesen und alle Marktteilnehmer legen einen großen Wert darauf die höchsten Datenschutzstandards einzuhalten.” 

Allerdings warnt Ute Teichert auch davor, dass zu viel Diskussionen in dem Bereich zu einer Lähmung führen können: “Wir müssen uns davon verabschieden sowas immer dreimal hin und her zu diskutieren und uns stattdessen dazu entscheiden, die Dinge mal konsequent umzusetzen.”

Auch wenn es unklar ist, inwieweit sich die Branche in den kommenden Jahren wandeln wird, so sind sich alle Befragten einig: Es ist wichtig, dass alle Akteure des Gesundheitssystems zusammenarbeiten anstatt nebeneinander, um eine grundsätzliche Neuordnung voranzutreiben. 

Und auch bei einem weiteren Punkt herrscht Einigkeit: Pflegeberufe werden in absehbarer Zeit nicht obsolet, da die Mensch-zu-Mensch Interaktion weiterhin eine große Rolle spielt. Aber erst im Zusammenspiel mit der Digitalisierung von Prozessen kann mehr Zeit für diesen zwischenmenschlichen Austausch geschaffen werden.

Doctorly wurde 2018 von Samir El Alami, Anna von Stackelberg, Dr. Archil Eristavi, Nicklas Teicke, Sebastian Lau und Alexandru Boghean in Berlin gegründet. Ihr Ziel ist es, veraltete IT- Infrastrukturen in Arztpraxen zu erneuern. Ende diesen Jahres möchte das Unternehmen seine eigens entwickelte Praxismanagement-Plattform veröffentlichen, die es Ärzten erleichtern soll ihre alltäglichen organisatorischen Aufgaben zu erledigen. Diese Lösung wird an die Ärzte verkauft. Durch die Möglichkeit der Integration von anderen modernen Gesundheitslösungen, wie z.B. Apps soll es zu Zeiteinsparungen von mindestens 50% kommen. Die Software soll es außerdem ermöglichen alle Daten in der Cloud zu speichern und sie dem Patienten damit einfach zur Verfügung zu stellen. Später soll der Patient dann über eine App alle seine Krankheitsinformationen einsehen können. Das Unternehmen beschäftigt derzeit mehr als 20 Mitarbeiter und hat bisher 5,6 Millionen US-Dollar an Funding aufgenommen. 

Kaia Health wurde im Jahre 2016 in München gegründet und bietet ein digitales Analysetool mit dem Rückenschmerzen mit Hilfe von (unter anderem) Dehnübungen effektiv behandelt werden können. Bereits über 400.000 Nutzer hat die App registriert. Der multimodale Therapieansatz der App ist in Deutschland als Medizinprodukt anerkannt. Die beiden Gründer Konstantin Mehl und Manuel Thurner haben es sich zum Ziel gesetzt auch andere chronische Erkrankungen wie zum Beispiel Parkinson mit Hilfe der App zu behandeln. Kaia Health hat insgesamt ca. 50 Millionen US-Dollar Funding in 5 Runden erhalten beschäftigt mehr als 60 Mitarbeiter an beiden Standorten in Berlin und New York. Derzeit liegt der Preis für die Nutzung der App für Privatpersonen bei 99€ monatlich.

Medwing bietet eine Lösung für das Problem des Fachkräftemangels. Das Berliner Startup, gegründet von Johannes Roggendorf und Timo Fischer im Jahre 2017, hilft Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen bei der Rekrutierung und dem Personalmanagement. Sie möchten es allen Kandidat*innen ermöglichen, so zu arbeiten, wie es zum individuellen Lebensentwurf passt. Seit Mai 2020 hat die Plattform mehr als 200.000 Nutzer und  beschäftigt über 200 Mitarbeiter aus mehr als 30 Ländern. Das Geschäftsmodell basiert auf Provisionen der Arbeitgeber bei erfolgreicher Vermittlung von Kandidat*innen in feste Jobs und bei Buchung flexibler Schichten. Eine Series B über 28 Mio Euro angeführt von Cathay Innovation wurde im Mai 2020 abgeschlossen.

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