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Interview

"Das wirft kein gutes Licht auf die Branche"

Die zwei Managing Directors der Solarisbank über den Wirecard-Skandal und die Folgen von Corona

Wirecard, das erste deutsche Fintech im Dax, erschüttert derzeit ein heftiger Skandal. Das Unternehmen hat inzwischen Insolvenz angemeldet. Die Solarisbank, einer der großen Konkurrenten von Wirecard, könnte nun zahlreiche Kunden des pleite gegangenen Unternehmens übernehmen.

Solarisbank hat eine Bankenlizenz und ermöglicht es anderen Fintechs, die ohne Bankpartner nicht auskommen, über ihre Plattform beispielsweise Kreditkarten oder Ratenzahlungen anzubieten. Gerade hat die Solarisbank 60 Millionen Euro neues Kapital eingesammelt und wird nun mit 320 Millionen Euro bewertet.

Im Interview sprechen Leif Wienecke und Timo Weber, die zwei Managing Directors der Bank, darüber, was die Wirecard-Pleite für die Fintech-Branche bedeutet und was Gründer aus der Corona-Krise lernen können.

Welche Auswirkungen hat der Skandal um Wirecard für die ganze Fintech-Branche?

Timo Weber: Natürlich wirft der Fall kein gutes Licht auf die Branche. Jetzt die gesamte Branche in Sippenhaft zu nehmen, wäre allerdings falsch. Der überwiegende Großteil der Fintechs in Deutschland entwickelt sich hervorragend und genießt großes Vertrauen bei den Kunden. Für uns als Solarisbank bietet die aktuelle Situation sicher auch Chancen. Wir sind die führende Banking-as-a-Service Plattform in Europa und auf Wachstumskurs. Für besorgte Kunden der Wirecard stehen wir als alternativer Partner gern zur Verfügung.

Sie haben sich in einer neuen Finanzierungsrunde 60 Millionen Euro gesichert. Wollen Sie die neuen finanziellen Mittel dazu nutzen, um die angeschlagene Wirecard zu übernehmen?

Leif Wienecke: Die Finanzierungsrunde ermöglicht uns, weiterhin stark zu wachsen. Wir investieren in unsere Produkt- und Technologieplattform und treiben unsere europäische Expansion voran.

I'll Attend

Sie verkünden die größte Finanzierungsrunde in der Historie Ihrer Firma damit ausgerechnet in der Coronakrise. Verraten Sie uns das Geheimnis: Was sollten Gründer*innen tun, um in der schwierigen wirtschaftlichen Situation zu profitieren?

Wienecke: Im Fokus jedes Startups sollten immer der Kunde und dessen Bedürfnisse stehen. Je stärker die Kundenbeziehung und -bindung desto höher ist die Krisenresistenz des Geschäftsmodells. Gleichzeitig hat Corona aber auch gezeigt, wie wichtig eine agile Organisationsstruktur ist, die sich schnell den besonderen Umständen anpasst und plötzlich auftretende Chancen ergreifen kann. Aus eigener Erfahrung können wir sagen, dass unsere Tech-DNA ein großer Erfolgsfaktor war, um die Krise bisher erfolgreich zu meistern. Das verdanken wir vor allem dem Engagement unserer Kolleginnen und Kollegen.

Welche Chancen genau meinen Sie?

Weber: Die aktuelle Krise ist ein Katalysator für Digitalisierung – auch in der Finanzwelt. Kunden zahlen zunehmend kontaktlos. Der eCommerce boomt.

Wienecke: Jeder sollte sich fragen: Ist die Zielgruppe, die wir vor Corona kannten, immer noch dieselbe oder hat sie jetzt strukturell andere Merkmale, die auch in dem Produkt, in den Prozessen und in den angebotenen Lösungen abgebildet werden? Ich glaube, die Kundenbedürfnisse haben sich verändert und darin liegen Chancen für neue Geschäftsmodelle.

Inwiefern?

Wienecke: Da gibt es zahlreiche Beispiele. Ich nenne eins aus meiner eigenen Erfahrung kürzlich. Wir hatten in den letzten Wochen eine reguläre Workplace-Safety Schulung. Die war natürlich noch auf eine Vor-Corona-Welt ausgelegt und die Frage stellt sich ganz natürlich: Wie funktioniert Workplace-Safety in Zukunft, wenn Unternehmen teilweise oder sogar ganz auf Remote-Work ausgerichtet sind. Dazu kommt bei dem Thema in vielen Branchen noch die juristische Frage. Mit solchen Themen müssen sich Anbieter jetzt auseinandersetzen, denn der Kunde hat neue Bedürfnisse.

Weber: Das Mediennutzungs- und auch Konsumverhalten der Menschen hat sich durch Corona bereits verändert. Wir verbringen noch mehr Zeit als früher online und sind offener geworden für digitale Angebote, die uns nicht der Gefahr einer Infektion aussetzen.

Fintechs haben in den vergangenen Jahren maßgeblich zur Modernisierung der Finanzwelt beigetragen. Doch inzwischen holen auch die traditionellen Banken In Sachen Digitalisierung auf. Was müssen Challenger Banken wie N26, Revolut oder Monzo jetzt tun, um ihren Vorsprung beizubehalten?

Weber: Da hast du recht, die Technologie entwickelt sich kontinuierlich weiter gemäß den Kundenbedürfnissen. Wir glauben, dass wir künftig weiterhin einen deutlichen Vorsprung vor den traditionellen Häusern haben werden, weil wir als Technologie-Unternehmen unsere Produkte und Prozesse schnell an neue Kundenbedürfnisse anpassen können. Zudem wird es künftig immer wichtiger werden, die Loyalität der Kunden zu erhöhen und das geht eben nur, wenn ein Unternehmen ein ganzes digitales Ökosystem aufbaut – da sehe ich schon Nachteile bei den großen Bankhäusern. Aber das können sie ja theoretisch alles erreichen, indem sie mit Fintechs eine Partnerschaft eingehen.

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Wienecke: Sind traditionelle Banken tatsächlich schon auf dem Aufhol-Pfad? Ich denke nicht. Ich bin auch Kunde eines der traditionellen Häuser und nutze alle deren Produkte, vorrangig die App, welche relativ wenig kann. Themen wie die Kategorisierung von Transaktionen, Benachrichtigungen über ausgehende Zahlungen, absoluter Standard bei Neo-Banken, werden mir dort nicht geboten. Das ist eine Frage von technischer Umsetzungsstärke.

Aber zeigt nicht gerade auch der Skandal um Wirecard, dass traditionelle Banken gegenüber Fintechs vielleicht zurecht einen Vertrauensvorschuss besitzen?

Wienecke: Traditionelle Banken haben noch immer den Reichweitenvorteil und es besteht ein gewisses Grundvertrauen. Das ist ein wirklich großer Vorteil. Ich sehe allerdings, dass das Kundenvertrauen irgendwann aufgebraucht sein wird und die Customer Experience wichtiger ist, wo die Challenger-Banken meines Erachtens im Vorteil sind. Wenn das passiert, und diese Entwicklung beobachten wir schon jetzt, bedarf es einer ganz klaren Strategie und vor allem auch eine hohe Umsetzungskraft seitens der traditionellen Banken um wieder an den Kunden ranzukommen.